12. August 2019 | #Bahnsteig

  Der Wunsch nach Sicherheit

Innerhalb von 14 Tagen werden in Voerde (NRW) und Frankfurt a.M. zwei Menschen in Tötungsabsicht vor einfahrende Züge gestoßen. Eine 34-jährige Frau und ein acht Jahre alter Junge kommen dabei ums Leben. Nachdem das Entsetzen über die Taten langsam abklingt, beginnt die Diskussion um Sicherheit an Bahnsteigen und Bahnhöfen.

Nachdem die Motive der Täter und die Tathergänge ausgiebig analysiert sind, beginnt nun quer durch die Republik eine Diskussion um die Sicherheit an Bahnsteigen und Bahnhöfen. Drei Forderungen begegnen einem dabei immer wieder. Wir möchte diese aufgreifen und analysieren.

Mehr Videoüberwachung auf den Bahnsteigen

Bei fast allen sicherheitstechnischen Vorkommnissen der jüngeren Vergangenheit wurde eine Maßnahme im Nachgang fast schon reflexartig gefordert – mehr Videoüberwachung. An vielen Stellen und in vielen Situationen macht das auch durchaus Sinn. Betrachtet man aber die Motivlage beider Täter im konkreten Fall, so hätte eine ausgedehnte Videoüberwachung wohl beide nicht von ihrer Tat abhalten können. Eine Videoüberwachung dient, bis zu einem gewissen Maße, zur Abschreckung und anschließender Aufklärung einer Tat. Ebenfalls kann sie zur Alarmierung von Interventionskräften dienen. Beispielsweise, um einen Einbruchsversuch zu stören oder zu verhindern. Um diese Taten zu verhindern oder zu erschweren taugen sie allerdings nicht. Hingegen kann eine umfassende und durch organisatorische Maßnahmen ergänzte Videoüberwachung sehr wohl einen Beitrag zu höher Sicherheit leisten. Das bringt uns gleich zu Punkt zwei.

Mehr Bundespolizei auf den Bahnhöfen

Kurz nach der zweiten Tat in Frankfurt bricht der amtierende Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) seinen Urlaub ab und äußert sich anschließend in der Bundespressekonferenz zu den Vorfällen. Dabei bringt er mehr Bundespolizisten an den Bahnhöfen ins Spiel. Und auch an dieser Stelle fällt eine einfache Antwort schwer. Grundsätzlich sind mehr Beamte bei der Polizei aus sicherheitstechnischer Sicht immer zu begrüßen. Mehr Polizisten heißt mehr Präsenz, was wiederum geringere Interventionszeit und kürzere Wartezeit für die Beamten bei der Nachführung von Verstärkungskräften bedeutet. Platt formuliert – mehr Polizei in weniger Zeit vor Ort. Soweit die Theorie. In der Praxis stehen einem solchen Vorhaben erfahrungsgemäß drei Probleme im Weg. 

Erstes Problem: Finanzierung und Verwaltung. Was der Innenminister möchte und fordert, muss eben zuerst durch diverse Ausschüsse und vom Bundesfinanzminister entsprechend mit Geldmitteln ausgestattet werden. Dort scheitern schon viele Maßnahmen, sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene.

Zweites Problem: Polizisten haben wollen und Polizisten haben – zwischen diesen beiden Positionen liegen mehrere Jahre der Anwerbung and Ausbildung der Beamten. Selbst wenn also die Mittel und der politische Willen vorhanden wäre, würde es mehrere Jahre dauern, bis zusätzliche Beamte auf den Bahnhöfen ankommen würden.

Drittes Problem: Motiv und Tat. Auch ein Polizist auf dem Bahnsteig hätte diesen Vorfall nicht verhindern können. Das führt automatisch zu Forderung Nummer drei.

Warum werden die Bahnsteige nicht baulich gesichert?

Kurz nach der Tat wurden Stimmen laut, die Bahnsteige baulich abzuriegeln und/oder nur noch Personen mit gültigem Zugticket auf die Bahnsteige zu lassen. In anderen Ländern sei das längst so geregelt, warum also bei uns nicht? Nun, diesen Aspekt muss man von verschiedenen Seiten her betrachten. Zum einen gibt es solche Lösungen auch bei uns bereits, zum anderen sind die Lösungen in anderen Ländern ebenfalls von mehreren Faktoren abhängig. In Deutschland sind solche Systeme beispielsweise in der Münchner U-Bahn und der S-Bahn am Frankfurter Flughafenbahnhof im Einsatz. Voraussetzung für ein solches System sind zwei entscheidende Bedingungen. Zum ersten dürfen auf diesen Bahnsteigen und Gleisen nur Züge des gleichen Typs eingesetzt werden, zum anderen müssen diese dann immer exakt (bestenfalls maschinell geregelt) am gleichen Punkt zum Stehen kommen. Auch in anderen Ländern sind diese Voraussetzungen die gleichen. Und so kommen diese Systeme, auch im Ausland, meist nur bei S- und U-Bahnen oder streckenbezogenen Zubringerzügen zum Einsatz. Unser Personenfernverkehr auf der Schiene ist für ein solches System aus technischen Gründen nicht brauchbar. Der häufigste Zug-Typ auf Fernstecken bei der Deutschen Bahn ist der ICE (Inter-City-Express). Alleine vom ICE sind aktuell vier bis fünf unterschiedliche Typen mit unterschiedlichen Spezifikationen im Einsatz.

Selbst wenn man die finanziellen Aufwendungen außen vorlassen würde, wäre eine Nachrüstung solcher Systeme auf unseren Fernbahnhöfen nicht realisierbar. Alleine der Aufbau der unterschiedlichen, im Fernverkehr eingesetzten, Zug-Typen würde ein solches System schwer bis unmöglich realisierbar machen. Alleine der Wechsel in Türenanzahl und Gesamtlänge zwischen ICE und IC (Inter-City) ist grundlegend verschieden. 

Fazit

Am Ende des Tages werden wir uns wohl oder übel mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass es auf unseren Bahnsteigen keine 100 prozentige Sicherheit geben wird. Eine solche kann es ohnehin nirgendwo geben. Das Problem liegt in diesen Fällen nicht an der Technik, den Polizisten oder der Anzahl der Videokameras. Am Ende ist es die Motivation des Täters, der Zustand seiner Psyche und der Wille, die Tat zu verüben, welche den entscheidenden Ausschlag gibt. Ein entschlossener Täter, wo auch immer seine Entschlossenheit herrühren mag, wird eine solche Tat verüben…mit oder ohne Zugticket, mit oder ohne Videokamera und auch wenn auf dem gleichen Bahnsteig ein Polizist steht, oder nicht. So lange wir dieses Problem also nicht technisch lösen, zum Beispiel durch einheitliche Zug-Typen oder getrennte Gleise, auf welchen immer die gleichen Zug-Typen fahren, werden wir wohl oder übel mit diesem Restrisiko leben müssen.

AUTOR

Clemens Schindler
Clemens Schindler

B.A. Redaktion (V.i.s.d.P.)

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